TS129/20: #Salemwahl: Offener Brief an Südkurier-Redakteur Stefan Hilser

Sehr geehrter Herr Hilser,

wie geht es Ihnen? Ich mache mir zunehmend doch etwas Sorgen um Sie und Ihre Kolleg*innen in der Redaktion Überlingen mit Blick auf Ihre Berichterstattung zu Salem. Denn die Bürgermeister-Wahl dort scheint der (satirisch gestimmten) Betrachterin von G. s. D. ein bisschen weiter weg inzwischen zu einer Art Tageszeitung-Wahl auszuarten? Mit welchem Salemer auch immer ich spreche, alle meine Gesprächspartner schildern mir in grellen Farben ihren Südkurier-Leidensdruck. Und sie kalkulieren unverhohlen zu der Frage, mit welchem künftigen Bürgermeister sie dem allmächtigen Südkurier Grenzen setzen und unabhängige sowie kritische Lokalberichterstattung erwirken könnten.

Mit dem Bürgermeister-Kandidaten Dr. Roland Martin ist dieser Südkurier-Verzweifelten-Gruppe eine vermeintlich attraktive Option zugekullert. Kein Mensch weiß, ob dieser rhetorische Fettnäpfchen-Hüpfer mit unaufklärbarem Hintergrund den vielfältigen Ansprüchen des ehrgeizig anvisierten und berufsfremden Amts gerecht werden kann. Aber eins weiß man spätestens seit Martins spektakulärem Abgang bei Ihrer Podiumsdiskussion am 22. September 2020 sicher: Er wird nicht mit dem Südkurier kuscheln!

Hätten Sie nicht das Gefühl, dass der Südkurier hier – übrigens für andere Orte der Region beliebig austauschbar auch durch die SchwäZ – einen Einfluss auf Demokratie und auf Wahlen nimmt, der – welcher Ausdruck passt? – d i s k u s s i o n s w ü r d i g  ist?

Die hat’s gerade nötig.

Haben wir nicht ein fettes Problem, wenn Wähler bei der Auswahl ihres Bürgermeister-Kandidaten nicht mehr die Eignung für ein Amt bewerten, sondern die Nähe oder Distanz des Bewerbers zum örtlichen Tageszeitungsmonopolisten und seinen Redakteur*innen?

Jetzt können Sie zu meinem oben angegebenen Stimmungsbild in Salem einwenden, es seien die „falschen“ Adressaten gewesen. Dem kann ich kaum etwas entgegnen, denn Bürgermeister Manfred Härle (CDU!) und andere regionale Sonnenkönige gehören aus offensichtlichen Gründen nicht zu meinen präferierten Gesprächspartnern. Da sind Sie näher dran! Viel näher. Zu nah?

Neidisch?

Und wenn Sie sich jetzt tapfer einreden, die publizistische „Exekution“ des bedauernswerten Stefan Steinhauer ginge auf mein Konto, mache ich es so, wie es in Salem (und andernorts) kommunalpolitisch üblich ist. Ich verschiebe die Verantwortung und deute mit allen fünf Fingern (!) einfach auf den Südkurier. Denn Sie und ich wissen ganz genau, dass der große Interviewer nur die arme Vorstufe der Würstchen auf seinem Grill ist. Es sind seine dunklen Hintermänner, die den ganzen Blödsinn mit den Salemer Nachrichten initiiert und vermutlich auch finanziert haben. Sie haben sich eines journalistisch ehrgeizigen Molkereifachmannes in schwieriger Lebenssituation skrupellos bedient, ohne ihm hinsichtlich der professionellen Rahmenbedingungen (Grundzüge von Äußerungs- und Persönlichkeitsrechten, journalistische Grundsätze, der ungefähre Umgang mit Internet) die entsprechende Expertise und Hilfe zur Seite zu stellen. Es musste schiefgehen. Es ist schiefgegangen. Südkurier und Härle dürfen sich die Hände reiben.

So manche Blitzbirne in Salem wird daraus schließen, ich hätte Obiges nicht berichten dürfen. Zum Wohle des übergeordneten Ziels, Härle um jeden Preis loszuwerden. Allein: Diesem Ziel bin ich nicht unterworfen.

Welchem denn?

Wir können jetzt hier eine lange Diskussion zu dem Problem anzetteln, dass es heutzutage und mit Blick auf das Internet auch schier unmöglich ist, als Tageszeitung im klassischen Format eine komplett zerrissene Gesellschaft mit lokaler Berichterstattung umfassend zu befriedigen oder gar zu befrieden. Aber die Situation würde sich schon entscheidend dadurch verbessern, wenn die Tageszeitungen der Region nicht im analogen Monopol berichten würden. Oder sich einfach mal zu Kritik und ernsthafter Recherche bei kommunalpolitisch brisanten Themen aufraffen (Beispiel Regionalplan Bodensee-Oberschwaben).

Sie und Ihre Kolleg*innen bei der SchwäZ können auch weiterhin angestrengt die Augen vor der medialen Realität im Jahre 2020 verschließen. Wir dürfen uns derweil über Ihren/ihren unbeholfenen Umgang mit „Berichtsreportern“ amüsieren. Aber das Internet, SatireSenf.de und die vielen vielen vielen vielen anderen Blogs gehen trotzdem nicht mehr weg!

Abwarten!

Ich platze bald vor Spannung zu der Frage, wann Sie und Ihre Kollegen sich dazu endlich einmal einen souveränen Umgang anhäkeln möchten.

Apropos Souveränität: Ich hoffe, Sie haben sich inzwischen von dem Schock meines Anrufs am 22. erholt? Der Anlass für diesen ungewöhnlichen Anruf hat sich übrigens inzwischen erledigt: Die Salemer Nachrichten verlinken in ihrer Rubrik „kleiner bodenseespiegel“ nicht mehr auf meinen Blog. Das war wohl nur einer der unendlich vielen und teilweise juristisch fragwürdigen handwerklichen Fehler der Macher dieses Käseblatts.

Sind Sie am Telefon und sonst auch immer so hölzern? Soll ich Ihnen mal ein paar freche, respektlose, satirische Schlagfertigkeiten zuschicken, damit Sie nicht ganz vom Stängele rar fallen, wenn die Burger persönlich anruft?
*

Da war die Welt zumindest nach außen hin noch in Ordnung bei der Südkurier-Podiumsdiskussion mit den Kandidaten für die Bürgermeisterwahl in Salem. V. l. n. r.: Bürgermeister Manfred Härle (CDU), Südkurier-Redakteur Stefan Hilser (Härle-Partei), Bürgermeister-Kandidatin Birgit Baur, Bürgermeister-Kandidat Dr. ? Roland Martin. Bildzitat Screenshot Livestream Südkurier

*

Spektakulärer, aber völlig sinnloser Populisten-Abgang
Kommen wir zurück auf die Südkurier Podiumsdiskussion mit den Bürgermeister-Kandidaten (oder zumindest Resten dieser) am 22. September 2020. Die Südkurier-Blamage beginnt schon mit der Auswahl des ursprünglich geplanten Veranstaltungsortes. Sicherlich nicht so sehr aufgrund meiner, vermutlich aber in Reaktion auf die Empörung vieler Salemer Bürger mussten Sie den ja schlussendlich doch ins Schloss verlegen. Haben Sie daraus etwas gelernt? Was?

Wie gelernt?

Dann der furiose Auf- beziehungsweise Abtritt des Bürgermeister-Kandidaten Dr. Roland Martin (ab Video-Sendeminute 17). Für mich übrigens keine Überraschung, denn Dr. Martin hatte schon im Vorfeld und zumindest in persönlichen Kontakten (m. E. berechtigte) Kritik am Konstrukt dieser Veranstaltung geübt, die sich ja auch nur an Südkurier-Abonnenten wendet. Mit nur genuschelt angedeuteter Kritik an der Berichterstattung über Salem hatte Martin dann am 22. September 2020 Podium und Saal verlassen. Der Südkurier berichtete hier.

Wem erzählt sie das?

Man kennt solche furiosen öffentlichen Abgänge von Populisten. Berühmte Beispiele: Die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel verlässt wutentbrannt eine Sendung des ZDF-Talk 2017. Diese „Auftritte mit Abtritt“ sind kalkuliert (hier). Sie sind kalkulierte Wähler-Verblödung.

Martin hätte viel mehr aus der Situation machen können, in dem er seine Kritik substantiiert hätte. Dass es diesem Kandidaten nur um die Leckerli seiner Claqueure geht, erkennt man unschwer daran, dass zumindest ich bisher keine Pressemitteilung oder sonstige Stellungnahme Martins kenne, welche seine düsteren Andeutungen und seine Zeitungskritik mit Inhalt füllen würde. Auf seiner Wahl-Homepage zu diesem wichtigen Vorgang kein einziges Wort.

Der furiose Auftritt war reine Show. Argumentativ und für das wirklich wichtige Thema „der Südkurier und seine fatale Nähe zu Bürgermeister Manfred Härle“ kommt nichts bei rum.

Aber schreiben wir nicht so viel von Dr. Martin. Schauen wir lieber einmal, was Sie aus der Situation machen beziehungsweise wie Sie die Situation so wenden, dass ein oder noch mehr Schaden für den Härle-Gegenkandidaten daraus entsteht.*

Der Südkurier weiß was über die Promotion von Fragezeichen-Doktor Roland Martin. Der Südkurier erregt öffentlich Verdacht zur Seriosität der Promotion von Dr. Roland Martin. Der Südkurier belegt seinen Verdacht bisher in keiner Weise.
Bild von Lisette Brodey auf Pixabay

*

Was ist denn jetzt mit der Doktorarbeit von Dr. Roland Martin?
Nachdem Dr. Martin also seinen furiosen Abgang hingelegt hatte, gucken Sie ziemlich dämlich aus der Wäsche. Verständlich – oder sollte man als Moderator von solchen Veranstaltungen nicht auch auf solche Überraschungen vorbereitet sein? Vorschlag zur Güte. Sie können in solchen Perplex-Situationen immerhin die Frage aufwerfen: „Was würde wohl Frau Burger dazu sagen?“, um die Lacher auf Ihrer Seite zu haben.

Sehr gut vorbereitet allerdings waren Sie zum Thema der Doktorarbeit von Dr. (?) Roland Martin. Ich habe einmal versucht, Ihr skandalöses Nachtreten nach Martins Abgang ab Minute ca. 19:10 zu transkribieren. Bitte nageln Sie mich nicht auf einzelne Worte fest. Da sich der Livestream zumindest bei mir derzeit nicht vor- und rückspulen lässt, war das Transkript sehr mühsam und könnte ungenau sein. Aber das Wesentliche kommt rüber und stimmt. Sie bedauern den Abgang des Kandidaten und sagen dann:

Ich hätte schöne Fragen an ihn gehabt. Vor allem hätte ich ihn gern gefragt, was wir auch in Uhldingen damals diskutierten,in welchem Fach genau mit welcher Arbeit er seine Dissertation verdient hat. Damals in Uhldingen hieß es, dass er eine Geheimhaltungsverpflichtung unterschrieben habe. Interessanterweise hat er jetzt bei der offiziellen Kandidatenvorstellung in […] Salem mitgeteilt, dass es dabei um Verwertungsrechte im Sport ging. […] So geheim kann es dann doch nicht gewesen sein. […] Ich hätte mich gern mit ihm unterhalten. Ich bedauere es sehr.
(SüdkurierDie Bürgermeisterkandidaten von Salem im Schlagabtausch beim Südkurier-Podium“; dilettantisches Transkript ab Sendeminute ca. 19:10; Hervorhebg. K. B.; die eckigen Klammern markieren ausgelassene kurze Passagen, die ich akustisch nicht verstanden habe)

Wow! Eine Frage an Sie vorab, Herr Hilser: Sie stehen berufstechnisch natürlich 27 Stufen über mir. Das ist mir völlig klar. Aber ich als Journalistin 17. Güteklasse mache mich immer fast ein, wenn es um den brandgefährlichen Bereich der sogenannten Verdachtsberichterstattung geht (hier; daselbst besonders die Passage zu den Rechten Betroffener).

Dr. Martin verlässt das Podium. Sie bedauern das und besitzen hoffentlich die juristische Rückendeckung Ihrer Chefredaktion, dem abgehenden Kandidaten hinterher Ihre rufschädigenden Fragen rauszutröten. Die erregen zum einen den oberüblen Verdacht, mit der Dissertation von Roland Martin stimme etwas ganz gravierend nicht. Zum anderen kann der Verdächtigte, der gerade eben das Podium verlassen hat, diese Fragen auch nicht mehr beantworten.

Das ist keine Verdachtsberichterstattung? Ja, dann! Uff, jetzt bin ich aber so was von erleichtert! Sehen Sie, das macht wahrscheinlich den Unterschied zwischen uns beiden aus! So etwas hätte ich mich nicht getraut.

Die alte Kuh ohne Zähne versteht sowieso keine Sau!

Immerhin schlagen Sie auf diese illegitime Weise noch einmal Kapital für Bürgermeister Manfred Härle heraus; und erst in zweiter Linie eventuell auch für die Kandidatin Birgit Baur. Das wäre dann schier ein Kollateralschaden? Egal? Denn diese unbelegten und unaufgeklärten Verdächtigungen müssen hauptsächlich Martin beträchtlich schaden?

Sie können an dieser Stelle begründet einwenden, Karin Burger hätte es gerade nötig, sich über Schaden für den Bürgermeister-Kandidaten Dr. Martin zu echauffieren. Das ist sachlich korrekt. Nur wissen Sie: Ich sitze nicht neben Bürgermeister Manfred Härle …

(Hilser lächelt verzückt)

Und es dürfte aktuell keinen anderen Journalisten im Ländle geben, der mehr Grund als ich hätte, Manfred Härle schaden zu wollen!

Schade auch, dass der Südkurier die Causa CDU-Pressemitteilung nicht weiter recherchiert hat. Ich glaube – *grübel grübel* – ganz Salem weiß inzwischen, was Stefan Steinhauer zu diesem Thema zu berichten hat!
*

Von der SaSe-Redaktion (danke, du!) BEARBEITETER Ausschnitt aus Bildzitat Screenshot Südkurier Podiumsdiskussion Bürgermeister-Kandidaten Salem. Bei der Auswahl des eingeschriebenen Textes haben wir uns am Zitat-Niveau des Kandidaten Dr.? Roland Martin orientiert, der bei der offiziellen Kandidatenvorstellung das peinliche „11 Freunde müsst ihr sein!“-Zitat vom alten Seppl Herberger halbtot auf die Bühne gezerrt hatte.

 

Keine Berichterstattung zu dem öffentlich erregten Verdacht
Natürlich habe ich mich voll und ganz auf Ihre Erfüllung publizistischer Sorgfaltspflichten verlassen und mit großer Spannung die Südkurier-Artikel nach diesem Eklat verfolgt. Für mich als naive Hohepriesterin des Pressekodex war natürlich glasklar, dass der Südkurier unmittelbar nach diesen öffentlich vorgetragenen Verdächtigungen gegen Fraglich-Doktor-Martin fundierte und Pressekodex-konforme Aufklärung liefert.

Was kommt? Am 23. September 2020: „Der bizarre Auftritt des Kandidaten Roland Martin“ Keine Auflösung, keine Belege, keine Stellungnahmen Martins zu dem von Ihnen öffentlich erregten Verdacht, mit seiner Doktorarbeit stimme etwas nicht. Auch der Südkurier-Artikel „Sind politische Gegner hinderlich? – Zehn Fragen an drei Bürgermeisterkandidaten“ vom 22. September 2020 enthält keine einzige Frage an Martin zu der von Ihnen kreierten Stinkwolke, der Mann sei irgendwie auf krummen Wegen zu seinem Doktortitel gekommen.

Oder kommt vielleicht morgen oder übermorgen noch etwas dazu im Südkurier? Ganz knapp vor der Wahl am Sonntag? Oder wollen Sie den vom Südkurier in den Raum gestellten schlimmen Verdacht etwa ganz allein arbeiten lassen. Pfui, wie gemein!

Auf der anderen Seite: Nachdem Doktor oder Nicht-Doktor Martin schon einmal öffentlich Kritik (hier) an Bürgermeistern geübt hatte, die mit Anwalt gegen Journalisten vorgehen, können Sie (i. e. der Südkurier) sich jetzt ja fast alles erlauben. Martin würde sich ja nur noch mehr blamieren, als er es ohnehin bis jetzt schon getan hat, wenn er gegen diese potentielle Verdachtsberichterstattung von Ihnen bei der Südkurier-Podiumsdiskussion anwaltlich vorgehen würde.

Meine Einschätzung: Nie war eine anwaltliche Abmahnung oder einstweilige Verfügung wegen Verdachtsberichterstattung berechtigter als in diesem/Ihrem Fall!

Wenn Sie wirklich Substantielles zum Thema <Promotion Roland Martin> in der Hand haben, warum erfahren das dann die Südkurier-Leser nicht? Oder ging es nur um den Schaden für Martin an sich? Also ohne Belege?

Rate mal!

300 Kilometer lange Mängelliste an der Südkurier-Salem-Berichterstattung
Meine Salem-Leser kritisieren mich. Mit der kritischen Berichterstattung zu Martin und zu den Salemer Nachrichten hätte ich mich auf Nebenkriegsschauplätzen verloren. Nach ihrem Empfinden verläuft die Hauptkampflinie dagegen zwischen Härle/Südkurier auf der einen und Härles Gegenbewerbern auf der anderen Seite.

Allerdings habe ich mir bei meiner Berichterstattung zum Bürgermeister-Wahlkampf tatsächlich etwas gedacht, das weniger mit Salem, mehr jedoch mit den Parallelen zu anderen meiner Berichtsgemeinden zu tun hat. Zum einen halte ich Cholera nach wie vor für keine Alternative zur Pest. Zum anderen ist die Causa Salemer Nachrichten enorm wichtig, weil sich an ihr und für spätere Fälle – zum Beispiel in Langenargen – aufzeigen lässt, wie katastrophal sich die Agitation anonymer Akteure im Bürgermeisterwahlkampf auswirkt. Und wie skrupellos sie dabei vorgehen.

So. Jetzt schauen wir mal, ob die Südkurier-Leser und ich bis zum Wahlsonntag vielleicht noch erfahren, ob Martin seinen Doktortitel zu Recht trägt oder nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Karin Burger
Redaktion SatireSenf.de

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